Usingens Feuerwehren stellen sich den Veränderungen

Der Vize ? Feuerwehrchef Carlos Weidner zeigt Schwierigkeiten und Lösungswege auf. Wer in Großstädten den Notruf der Feuerwehr wählt, der erwartet meist unverzüglich Hilfe durch professionelle Kräfte einer Berufsfeuerwehr. Anders dagegen sieht es auf dem Land aus. Hier kümmern sich in der Regel die Freiwilligen Feuerwehren mit ihren ehrenamtlichen Helfern um den Brandschutz und die allgemeine Hilfe (früher technische Hilfeleistung).

Doch landauf, landab gehen die Mitgliederzahlen bei diesen Einrichtungen zurück. In Hessen zählten die Feuerwehren 2009 noch rund 120 000 Mitglieder (davon 4000 Frauen). Auch die so genannten Tageseinsatzstärken reichen oft nicht mehr aus, adäquate Hilfe im Notfall zu leisten. Wie sieht es da bei den Blauröcken in Usingen aus? Carlos Weidner, stellvertretender Stadtbrandinspektor der Gesamtstadt, der gemeinsam mit Gerhard Bruder die Geschicke der sieben Usinger Feuerwehren lenkt, macht sich Gedanken um die Zukunft des Brandschutzes seiner Heimatstadt und zeigt auf, mit welchen Schwierigkeiten die Brandschützer kämpfen und welche künftigen Entwicklungen den Fortbestand der Freiwilligen Feuerwehren sichern sollen.

?Wenn wir von der Feuerwehr Usingen sprechen, meinen wir die sieben Feuerwehren, die mit ihren derzeit 198 aktiven Mitgliedern den Brand- und Katastrophenschutz der Gesamtstadt sicherstellen. Hierfür stehen den Männern und Frauen 22 Fahrzeuge zur Verfügung, die für die unterschiedlichsten Aufgaben konzipiert sind und je nach Einsatzlage angefordert werden können?, so Carlos Weidner, der seit 2008 als stellv. Stadtbrandinspektor fungiert. Als Ehrenbeamter ist er ebenso wie Gerhard Bruder direkt dem Bürgermeister dienstrechtlich unterstellt.

Verwaltungsarbeit wächst noch mehr

Hessenweit sind die Feuerwehren verpflichtet, Bedarfs- und Entwicklungspläne zu erstellen, um langfristig den Bedarf an Technik und Personal für die jeweilige Kommune zu ermitteln. Auch in Usingen wird es wohl nach Zustimmung des Magistrats einen Arbeitsauftrag für die Führung der Feuerwehr geben, einen solchen Plan aufzustellen. Weidner: ?Eine sehr aufwendige und zeitraubende Tätigkeit, die ehrenamtlich fast nicht zu leisten ist!? Als Beispiel nennt er die Stadt Egelsbach, deren Plan knapp 260 Seiten umfasst. Hierbei müssen die Feuerwehren die Einsätze der letzten fünf Jahre auswerten, Hilfsfristen ermitteln, den Ist ? Zustand beschreiben und eine umfassende Risikoermittlung durchführen. Neben dem regulären Einsatz- und Übungsdienst, der letztendlich über die Schlagkraft einer Feuerwehr entscheidet, ist die Erstellung eines solchen Plans eine Mammutaufgabe. Schon heute sitzt Weidner im Schnitt fünf Stunden wöchentlich für die Freiwillige Feuerwehr am Schreibtisch.
Doch nur, wenn ein solcher Bedarfs- und Entwicklungsplan vorliegt und ständig fortgeschrieben wird, kann der hohe Standart der Wehr gehalten werden, unterstreicht Weidner die Wichtigkeit dieser neuen Bewertungsgrundlage.

Tageseinsatzstärke rückläufig

Ein ganz anderes Problem, mit dem die Feuerwehren auch in Usingen zu kämpfen haben, sind die rückläufigen Tageseinsatzstärken. Die Ursachen hierfür sind sehr unterschiedlich. Waren vor einigen Jahren noch viele Landwirte und ortsansässige selbstständige Handwerker im aktiven Feuerwehrdienst, sind heute überwiegend Männer und Frauen in der Einsatzabteilung tätig, die außerhalb ihrer Heimatgemeinde, meist in Bad Homburg oder Frankfurt, ihr Geld verdienen. ?Diese Leute stehen uns tagsüber für Einsätze natürlich nicht zur Verfügung?, so Carlos Weidner. ?Wir in Usingen haben dieses Problem schon vor längerer Zeit erkannt und gemeinsam mit unserem damaligen Bürgermeister eine adäquate Lösung gefunden: Acht Mitarbeiter der Stadtverwaltung, die allesamt entweder in einer Usinger Ortsteilwehr, oder einer anderen Feuerwehr in ihrem Wohnort aktiv sind, unterstützen während ihrer Arbeitszeit die ehrenamtlichen Feuerwehrleute und fahren bei Einsätzen mit raus. Eine Lösung, die sich bei den 150 bis 200 Einsätzen, die jährlich bei den Usinger Feuerwehren anfallen, durchaus bewährt hat?,  berichtet Weidner. Eine weitere wichtige Stütze bilden die Stadtteilwehren, die ebenfalls mit den vorhandenen Tageskräften Einsatzaufträge für die Gesamtstadt übernehmen.

"Partner der Feuerwehr"

Bewährt hat sich in diesem Zusammenhang auch die deutschlandweite Auszeichnung einzelner Industrie-, Gewerbe und Dienstleistungsunternehmen zum ?Partner der Feuerwehr?. Von den 108 bisher vom Deutschen Feuerwehrverband in Hessen ausgezeichneten Unternehmen sind auch zwei im Usinger Stadtgebiet angesiedelt. Neben dem großen Industrieunternehmen Zumtobel, das in der Kernstadt produziert, wurde der Titel auch an das Handwerksunternehmen Elektro ? Schultheis aus Merzhausen vergeben. Wie Weidner betont, soll damit die Unterstützung des Unternehmens für die Belange des Brandschutzes honoriert werden. Weidner: ?In beiden Unternehmen sind aktive Feuerwehrleute beschäftigt, die im Alarmfall jederzeit ihren Arbeitsplatz verlassen dürfen. Außerdem stellen uns diese Betriebe ihre Gebäude als Übungsobjekte zur Verfügung oder unterstützen uns bei Veranstaltungen.? Bei der Häufigkeit der Einsätze ist es nicht mehr selbstverständlich, aktiven Feuerwehrleuten das Verlassen des Arbeitsplatzes im Alarmfall zu erlauben.

Umfangreiches Einsatzspektrum

Längst sind es nicht mehr nur Großbrände oder Verkehrsunfälle, die den Einsatz der Freiwilligen Feuerwehr erforderlich machen. ?Mehrmals im Jahr rücken wir mit der Drehleiter aus, um den Rettungsdienst zu unterstützen, weil die Sanitäter mit dem Patienten nicht durch das enge Treppenhaus kommen. Häufig sind es auch Fehlalarme sensibler Brandmeldeanlagen, Wasserrohrbrüche, Türöffnungen für Polizei und Notarzt oder Ölspuren, die beseitigt werden müssen?, zeigt Weidner die Vielseitigkeit auf.

Den rückläufigen Mitgliederzahlen in den Reihen der Einsatzabteilungen stehen die relativ stabilen Zahlen in den Jugendfeuerwehren gegenüber. Dieser Nachwuchsorganisation gehören im Stadtgebiet derzeit 83 Jungen und Mädchen an. Doch erst ab dem 17. Lebensjahr dürfen die Nachwuchsbrandschützer in den Einsatzdienst wechseln. Und manch Jugendlicher entscheidet sich dann doch gegen den Einsatzdienst, weil er anderen Interessen nachgehen möchte, gibt Weidner zu bedenken. ? Ein paar mehr Erwachsene, die Interesse an der Feuerwehrarbeit bekunden, würde ich mir schon wünschen?, meint der Vize ? Feuerwehrchef und spricht sich auch deutlich für Frauen im Feuerwehrdienst aus. Weidner: ?Wir haben im Stadtgebiet fast in jeder Feuerwehr Frauen in der Einsatzabteilung, die allen Anforderungen genauso gewachsen sind, wie ihre männlichen Mitstreiter!?

Werbeoffensive geplant

Um Männer und Frauen für die Arbeit der Usinger Feuerwehren zu begeistern, wollen Carlos Weidner und Gerhard Bruder jetzt in Zusammenarbeit mit den Wehrführern der Stadtteile eine Werbeoffensive starten. Beim Usinger Stadtfest am 3. und 4. Juli werden sich die Usinger Feuerwehren mit einem Infostand präsentieren und gezielt Erwachsene zum Thema Einsatzabteilung und aktive Mitgliedschaft ansprechen. Außerdem ist ein Werbeflyer geplant, der kurz gefasst Anforderungen und Aufgaben der aktiven Feuerwehrleute erläutern soll.

Wer Interesse an der Feuerwehrarbeit hat, der kann sich natürlich auch auf der Internetseite der Usinger Feuerwehr informieren, oder direkt Kontakt mit den örtlichen Wehrführern aufnehmen.
Weitere Infos: www.feuerwehr-usingen.de

Zur Person:

Carlos Weidner, Jahrgang 1977, gehört seit 21 Jahren der Freiwilligen Feuerwehr Usingen an. Nach seiner Schulzeit absolvierte er zunächst eine Ausbildung zum Vermessungstechniker. 1996 machte er sein Hobby zum Beruf und trat in den Dienst der Berufsfeuerwehr Frankfurt ein. Neben der klassischen Ausbildung zum Feuerwehrmann erweiterte er dort auch seine Kenntnisse im Rettungswesen und schloss schließlich eine Fachausbildung zum Rettungsassistenten ab. In der Usinger Wehr übernahm er schon früh Verantwortung. Bereits in der Jugendfeuerwehr als Gruppenleiter und stellv. Jugendwart aktiv, wurde er im Einsatzdienst schließlich Gruppenführer und von 2002    bis 2008 Zugführer des Katastrophenschutzzuges. Seit 2008   ist er stellvertretender Stadtbrandinspektor.